Auszüge
META I
Aphorismen sind nicht lustig.
Das unterscheidet sie von Witzen.
Aphorismen verbreiten keine Wahrheiten.
Das unterscheidet sie von Lehrsätzen.
Aphorismen geben keine Anweisungen zum Handeln.
Das unterscheidet sie von Vorschriften.
Aphorismen denken nicht positiv.
Das unterscheidet sie vom Mantra.
Ein guter Aphorismus tut ein bisschen weh.
Auch seiner Verfasserin: Er ist aus dem eigenen Fleisch geschnitten.
Aphorismen bringen Dinge nicht auf den Punkt, sondern auf den Haken.
Sie bleiben gern hängen.
Aphorismen zeigen Begriffe gern nackt.
Oder in gewendeten Kleidern.
Ein Aphorismus ist eine Essenz.
Vor der Anwendung ist Verdünnung zu empfehlen.
Ein Aphorismus ist ein Gedanke mit einer Duftmarke.
Der Körper denkt mit.
Aphorismen sind die unehelichen Kinder von Urteilskraft und Sprachspiel.
Wenn man Glück hat, haben sie nur die guten Eigenschaften geerbt. Wenn man Pech hat, hat man Pech gehabt.
Wenn ein Gedanke genug mit Aggression aufgeladen wurde, entsteht ein Aphorismus.
Einige sind waffenscheinpflichtig.
Aphorismen zu schreiben ist ein Verfahren zur Erprobung von Sätzen.
Mal trifft man auf Gold, mal auf Katzengold.
Aphorismen zu schreiben ist ein Verfahren zur Variation von Sätzen.
Einer gibt dem nächsten die Hand.
Menschen denken in Sätzen.
Der Satz, das unterschätzte Wesen!
Es gibt keine erbaulichen Aphorismen.
Vom Guten kann man nur Geschichten erzählen.
Ein Aphorismus sagt niemals ›Ich‹.
Die Katzenhaftigkeit des Aphorismus: Er schleicht sich aus dem Nichts an und hinterlässt ein Grinsen, wenn er wieder verschwindet.
Oder eine neue Narbe.
Aphorismen sind die Wadenbeißer der Philosophiegeschichte.
Deshalb bleiben sie auch bodennah.
Aphorismensammlungen sind die Schatzkisten der Weltweisheit.
Häufig gut vergraben. Wer sie findet, darf sie behalten.
Aphorismen sind das Kleingeld der Erkenntnis.
Deshalb kann man auch großzügig mit ihnen umgehen.
Aphorismen sind nur ein Boxenstopp der Erkenntnis.
Die Devise ist: Weiterfahren!
Die Vogelhaftigkeit des Aphorismus:
Im Überflug erkennt man aus den Augenwinkeln ein Muster.
Viele Aphorismen auf einem Haufen bilden eine Schwarmintelligenz aus.
Sie organisieren sich selbst. Zwanglos.
Die Schlangenhaftigkeit des Aphorismus:
Manchmal muss man das Gift hinterher schnell aussaugen.
Die Heilungskraft des Aphorimus:
Ein palliatives Pflaster über einer Wunde, die niemals heilt.
Regelmäßiges Wechseln wird empfohlen.
Aphorismen sind handschriftliches Denken.
Ein Notat der Welt.
Ein Aphorismus kann alles vergleichen.
Deep thinking: Im Untergrund verschlingen sich die Wurzeln.
Aphorismen sind Assoziationsgeneratoren.
Und umgekehrt. Potentiell unendlich.
Einen einfachen Satz zu finden, ist sehr schwer.
Hidden in plain sight – die besten Verstecke!
Der Berg kreißt und gebiert einen Aphorismus.
Anschließend ist der Berg sehr glücklich. Es war keine leichte Geburt.
Katzen sind fellgewordene Aphorismen.
Ein Blick genügt.
Gedanken-Splitter
Denken ist eine biologische Tätigkeit und kostet deshalb Energie.
(Selbstdenken ist Energieverschwendung. Man spart, wo man kann).
Es sollte Strafzettel für Falschdenken geben.
(Wer zu viele Punkte hat, bekommt Redeverbot, vorerst befristet)
Das ist mir zu verkopft, sagte das Bauchgefühl, und knurrte, als ihm ein unverdauter Gedanke aufstieß.
Wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist, ist die Mutter meist die Phantasie.
Um große Sprünge zu machen, braucht man viele Gedanken im Beutel, sagte das Känguru.
Minima Moralia
Jedes Urteil, das man ungeprüft übernimmt, wird wieder zu einem Vorurteil.
Das verbreitetste Vorurteil ist dasjenige über die Vorurteilsgebundenheit anderer Leute.
Ein freier Wille kennt keinen Grund.
Man kann nicht nicht Recht haben wollen.
Wer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, bekommt häufig Verdauungsbeschwerden.
Wer in seinem Leben gar nichts zu bereuen hat, hat etwas falsch gemacht.
Jeder ist seines Glückes Schmied.
(die Kosten für die Schmiede sind nicht von der Steuer absetzbar!)
Pursuit of Happiness: Das Streben nach Glück ist ein Menschenrecht, nicht das Erreichen.
(man muss zumindest vom Sofa aufstehen)
Wer seinem Glück zu heftig nachjagt, riskiert das eine oder andere Jagdunglück.
Wer auf die Idee kommt zu fragen, womit er sein Glück verdient habe, hat es schon verdient.
Glück kann man nicht haben.
Wenn die Welt für die Menschen gemacht wäre, hätte sie mehr Freizeitparks und eine Hotline zum Lieben Gott.
(Außerdem hätte er Evaluationsbögen hinterlassen)
Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
(sagte das Universum und kicherte)
Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
(notfalls bringt er sie auf menschliches Maß).
Vermessenheit: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
Behandle die Menschen so, als seien sie es wert, dass man sie liebt.
Der Drang der Menschen, anders zu sein als die anderen, wird nur durch den übertroffen, genauso zu sein wie die anderen.
Ökonomischer Imperativ: Die Frage "wer bezahlt?" sollte alle Entscheidungen begleiten.
(das gilt auch für immaterielle Kosten)
Nichts ist umsonst.
Schadenersatz macht nicht klug.
Bewusstsein ist die rosa Brille, durch die das Gehirn auf sein Ich schaut
(wenn es auf andere schaut, nimmt es sie natürlich ab)
(Selbst-)bewusstsein ist das Problem, für dessen Lösung es sich hält.
Identität ist ein schwacher Ersatz für Instinkte.
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zum Selbstmitleid.
Das "Ich denke, und das möglicherweise falsch" muss all meine Vorstellungen begleiten können.
Das "Ich denke und werde dabei von meinem Gehirn manipuliert" muss alle meine Vorstellungen begleiten können.
Wir treffen uns im Unendlichen, sagte der Romantiker, bevor er die Abkürzung über die Religion einschlug.
Romantische Ironie: Alles ist Fiktion, sogar die Fiktion, dass alles Fiktion ist.
(wer zu viel abhebt, wird bald flügellahm)
Das Leben mit der Kunst verschmelzen. Die Prosa mit der Poesie. Das Leben mit dem Tod. Eines mit Allem.
(Verschmolzen sind wir untrennbar, sagte der Schmelzkäse zum Toast. Alles die gleiche Pampe)
Philisterkritik des Romantikers: Schlafrock, Hausschuhe, Wampe. Trinkt Bier, hat keinen Sinn für Kunst. Denkt in Schubladen (Klappe zu!)
Das Leben muss poetisiert werden, sagte der Romantiker, während er das letzte Exemplar der blauen Blume mit der Wurzel ausriss, um sie an seinen Hut zu stecken.
(seitdem steht sie auf der Liste der bedrohten Pflanzen)
Kunst ist eine Lebensäußerung.
(und als solche völlig natürlich)
Gute Kunst ist verdichtetes Leben.
Schlechte Kunst ist durch Erfindung verwässertes oder übertriebenes Leben.
Kunst ist eine der nötigsten und am schlechtesten bezahlten Dienstleistungen an der Menschheit.
Kunst ist inspirierte Arbeit.
Beziehungsweise
Wer Schmetterlinge im Bauch hat, sollte nachdenken, ob er Raupen verschluckt hat.
Liebesehen werden im Himmel geschlossen.
(Leider muss man anschließend den Wohnsitz wechseln)
Er holte für sie das Blaue vom Himmel herunter. Danach war er nur noch grau.
Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Leider war sie fehlsichtig.
Altersfragen
Mit dem Alter wird man sich selbst immer ähnlicher. Man erkennt sich kaum wieder.
Die Hälfte des Alters verbringt man damit, die Fehler seiner Jugend zu verstehen (die andere neue zu machen).
Mid-Life-Crisis: Sie haben ihr Ziel erreicht, sagte das Navi. Bitte bei nächster Gelegenheit wenden!
Altersweisheit: Ich weiß, was ich nicht weiß.
Wer die Wahl hat, hat meist keine Lust.
Revolutionen enden meist damit, dass Unten und Oben die Plätze getauscht haben.
(Die Mitte verliert immer)
Der kategorische Imperativ der Nachhaltigkeit: Handle jederzeit so, dass die nachfolgenden Generationen nicht unter den Folgen deines Handelns zu leiden haben.
Der kategorische Imperativ der Voraussicht: Handle jederzeit so, dass die absehbaren Folgen deines Handelns das Gute, dass du damit bewirken wolltest, nicht zunichte machen.
(Auf dem Boden der besten Absichten gedeihen die größten Katastrophen. Regelmäßiges Umgraben hilft dagegen)
Wenn Wähler die eigene Partei wählen, sind sie mündig.
Wenn sie eine andere Partei wählen, sind sie manipuliert worden.
Wenn sie gar nicht wählen, sind sie unreif.
Jeder wählt, wie er denkt.
Demokratien tendieren mit dem Alter zur Polarisation.
Eine Demokratie, die nicht in Frage gestellt werden darf, ist eine Diktatur.
a) Die Menschen lieben die Bequemlichkeit über alles.
b) Freiheit ist unbequem.
c) Es ist möglich, aus freiem Entschluss die Unfreiheit zu wählen.
Die Gedanken sind frei. Wer einen fängt, darf ihn behalten (aber nur bei Bodenhaltung).
Die Gedanken sind frei. Meinungen sind Käfighaltung im Kopf.
Die Gedanken sind frei, sagte der Lehrer. Merkt euch das gefälligst!
Ein wahrhaft freier Gedanke: Die Gedanken sind nicht frei!
Der Preis der Freiheit: Agoraphobie.
Der Mensch ist frei geboren, und überall kauft er sich Ketten.
Ein freier Wille kennt keinen Grund.
Freiheit ist, wenn man sie nicht ausnutzt.
Freiheit sollte nicht übermütig, sondern demütig machen.
Freiheit ist notwendig.
Pessimistische Parolen
Nicht alle Probleme sind lösbar.
(Die Bereitschaft zur Anerkennung dieser Tatsache ist ein Maßstab für geistige Freiheit)
Kassandra war nur eine Spezialistin für Worst-Cace-Scenarios
(um zu sehen, dass es mit dieser Menschheit nicht gut enden kann, braucht man keine prophetischen Kräfte)
Wenn die Bäume in den Himmel wachsen könnten, hätte der Himmel Löcher für sie.
Der Bruch, der entsteht, wenn man den Glauben an ein Happy End für die Menschheit aufgibt, ist nicht mehr heilbar.
Abwarten und Tinte trinken, sagte die Welt, bevor sie unterging.